Liebe Leserin, lieber Leser,
die Krise kommt immer näher. Jetzt sollen die ohnedies schon klammen Gemeinden noch mehr sparen, obwohl viele von ihnen – streng genommen – bereits heute pleite sind.
Im Ruhrgebiet haben zum Beispiel Recklinghausen und Bochum kaum das Geld, um ihre vor ein paar Jahren an US-Heuschrecken im Cross-Border-Leasing verscherbelten Abwasserkanäle zurückzukaufen. Der US-Kongress hat diesem „Steuersparmodell“ mittlerweile einen Riegel vorgeschoben. Die sitzen an Ruhr und Emscher also ganz schön dick in ihrem Schmutz. Woanders ist es kaum besser. Teilweise haben clevere Bürgermeister und Kämmerer sogar die Trinkwassernetze an US-Spekulanten verhökert, wie am Bodensee, wo etwa 180 Gemeinden „auf dem Schlauch“ sitzen.
In Bonn hat man andere Sorgen. Dort suchen sie mit internationalem Haftbefehl den koreanischen Geschäftsführer der Baufirma des halbfertigen insolventen World Conference Centers Bonn (WCCB). Der soll mit 40 Mio. Euro flüchtig sein. Ob der das Geld wirklich hat, weiß der Insolvenzverwalter allerdings auch nicht genau, weil er nach seinen Worten „keine forensischen Untersuchungen“ über den Verbleib des Geldes gemacht haben will. Was immer er uns damit sagen will.
Das ätzende „Theater“ um die Kosten-Explosion der teilweise von einem privaten Gönner gesponserten Hamburger „Elbphilharmonie“ ist ein weiteres Beispiel für öffentliche Verschwendung unserer Steuergelder.
Dennoch wird scheinbar unbekümmert allerorten munter weiter in protzige Renommierbauten investiert – besonders gerne in „Kultur-Beton“. Die Bonner Stadtmütter- und -väter wollen zum Beispiel mit Hilfe von privaten Mäzenen nicht nur ihre traditionsreiche Beethovenhalle abreißen und von international anerkannten Stararchitekten für mindestens 100 Mio. Euro ein neues Festspielhaus bauen lassen, sondern zusätzlich auch noch gleich ein neues Rathaus nach einer privaten Zweckspende über 50 Mio. aus dem Boden stampfen. Auf der anderen Seite werden Schwimmbäder geschlossen, Schulen nicht saniert und Kitas nicht gebaut.
Der Kölner Oberbürgermeister möchte ebenfalls am liebsten das Schauspielhaus platt machen und völlig neu bauen. Die erfolgreiche Intendantin des Hauses und andere Experten sind hingegen für Sanierung. Sie wollen lieber mehr Geld in die künstlerischen Inszenierungen stecken. Seitdem wird die Intendantin in der Domstadt öffentlich mächtig gemobbt.
Kulturelle Leistung ist bei uns augenscheinlich zur Formel erstarrt: „Kubikmeter umbauten Raum plus private Spenden mal Großmannssucht“. Krise hin, Krise her. Essen ließ sich beispielsweise von Krupp ein neues schönes Folkwang-Museum schenken, vermutlich ohne sich vorher genügend Gedanken über die später vom Steuerzahler zu tragenden Betriebskosten gemacht zu haben.
Das Teure an der Kultur seien nicht Beton und Glas, sondern die Menschen auf und hinter der Bühne, belehrte kürzlich der Essener Kämmerer die Presse. Folgerichtig will er nun direkt am künstlerischen Personal den Rotstift ansetzen. Seine Rechtfertigung: „ Die können auch eine Oktave niedriger singen.“
Ganz schön schrill, Herr Kämmerer! Tolle Aussichten für uns alle und unsere Kultur. Essen ist aktuell die europäische Kulturhauptstadt 2010 – sozusagen unsere leuchtende kulturelle Vorzeigegemeinde. Fällt Ihnen dazu noch etwas ein?
Ich wünsche Ihnen, dass Sie auch in Krisenzeiten immer Zeit und Geld für ein bisschen Kultur übrig haben.
Ihre
Sabine Olthof
Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG



