Liebe Leserin, lieber Leser,
ja, es scheint mir fast so: Unser Umgangston – namentlich am Arbeitsplatz – ist nicht mehr so gut, wie er schon einmal war. Wir reden uns zwar heute bereits nach kurzer Zeit ungezwungen mit dem Vornamen an, aber der natürliche Respekt voreinander scheint gelitten zu haben. Oft fehlt die Distanz – von unten nach oben, aber noch häufiger von oben nach unten. Willkür und Rumpeln sind an der Tagesordnung.
“Mach mal!”, “Das müssen wir heute …” oder “Wie konnten Sie?” sind beispielhaft einige gängige Bemerkungen aus dem modernen Büroalltag. Früher wurden Anordnungen und Kritik aller Art in gut geführten Unternehmen üblicherweise in eine höfliche Konjunktivform gepackt: “Würden Sie bitte…” oder “Könnten Sie bitte…”. Das war guter Führungsstil, weil er die Zustimmung des anderen zumindest rhetorisch offen ließ und nicht verletzte.
Mag sein, dass die neue Direktheit am Arbeitsplatz der uns immer mehr beherrschenden Effektivität geschuldet ist. Für das menschliche Miteinander ist sie dennoch nicht gut. In anderen Ländern läuft das anders.
Unsere britischen Nachbarn zum Beispiel schieben heute in der Londoner City durchaus im Sekundentakt Milliarden an Dollar, Euro und Pfund rund um den Globus – aber ihre konservativen Umgangsformen lassen Sie sich gleichwohl nur ungern nehmen.
Kaum einem gut erzogenen Briten würde es einfallen, einen Untergebenen barsch mit den Worten zur Rede zu stellen: “You`re doing that wrong.” Er würde eher sagen: “Actually, I think there`s a better way to do that”. Man würde dort vermutlich auch nicht besserwisserisch dazwischenfahren mit: “No, not like that”. Die höflich Reaktion auf Fehler des anderen würde vielmehr lauten: “Will you just let me explain that to you?” Die englische Übersetzung von: “Sie Rindvieh haben ja schon wieder Mist gemacht und die Deadline verpasst” würden Sie ebenfalls nur ganz selten hören. In gebotenem britisch vornehmem Umgangston hieße das vermutlich so: “I`m sure you`ll unterstand how important it is for our department to meet deadlines”.
Sie merken den kleinen, aber feinen Unterschied zu uns. Nun könnten Sie sagen: “Was soll das ganze höfliche Getue, wir müssen voran kommen!” Und ich würde Ihnen antworten: “Man kann doch das eine durchaus machen, ohne das andere zu lassen”.
Wie meinen Sie, hat die Höflichkeit am Arbeitsplatz bei uns gelitten und sollten wir uns wieder mehr um bessere Umgangsformen bemühen?
Ich wünsche Ihnen eine freundliche Woche!
Ihre
Sabine Olthof
Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG



