Liebe Leserin, lieber Leser,
häufig hören wir von Kindern, die unter massivem Druck ihrer ehrgeizigen Eltern stehen. Also: möglichst nur Einser in den Hauptfächern, Kopfnoten ohne Makel, Klavier, Malen, Tanzen und Sport – alles vom Feinsten. Das alles ist hinreichend bekannt. Dass Eltern bei uns aber zunehmend ebenso unter massivem sozialen Druck stehen, war bisher weniger ein öffentliches Thema. Hier gibt es augenscheinlich etwas aufzuarbeiten.
Seit den 80-ger-Jahren sei eine intensive Emanzipation des Kindes zu beobachten, heißt es in einer Elternstudie der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Das Kind sei zwar hinsichtlich seiner Rechte den Eltern gleichgestellt, aber von möglichen Pflichten weitestgehend freistellt. Wenn das Hauptaugenmerk der Familienpolitik weiter allein auf dem Kindeswohl liege, drohten die Eltern leicht aus dem Blickfeld zu geraten.
Die Konrad-Adenauer-Stifung hat mit ihrer sozialwissenschaftlichen Untersuchung von Sinus Sociovision den wachsenden Erziehungsdruck genauer untersuchen lassen. Druck kommt demnach vor allem aus der Gesellschaft. Heute werde den Eltern ein Maß an Verantwortung und Mitsprache für ihre Kinder zugewiesen, das es in früheren Elterngenerationen so nicht gegeben habe. Die Gesellschaft erwarte schlechthin, dass Eltern ihre Zeit mit den Kindern verbringen, ohne diesen dafür andererseits genügend Zeit einzuräumen. In den personell oft sehr schlecht ausgestatteten öffentlichen Schulen würden zum Beispiel die Lehrer die Kontrolle der Hausaufgaben wie selbstverständlich an die nicht selten damit überforderten Eltern delegieren. Diese – insbesondere Mütter – seien so in der Rolle von Hilfslehrern und gerieten auf Dauer in einen Konflikt aus Ohnmacht und dem Gefühl, nicht genug für ihr Kind getan zu haben, wenn es nicht mithalten könne.
Auch wirtschaftlich seien Eltern benachteiligt, stellt die Studie fest.
Die moderne Arbeitswelt fordere einen möglichst uneingeschränkt mobilen und verfügbaren Menschentyp. Eltern mit Kindern könnten diesem Leitbild kaum genügen. De facto – so die Studie – führe Elternschaft am Arbeitsplatz mithin zu einer Schwächung der Position, wenn es um Übertragung von Verantwortung beim beruflichen Aufstieg gehe. Enge Bindungen und langfristiger Zusammenhalt, wie in den klassischen Familien noch üblich, passten zunehmend weniger in eine Wirtschaft und eine Gesellschaft, die von Kurzfristigkeit und Flexibilität geprägt sei.
Besonders scheint die “bürgerliche Mitte” unter dem Erziehungsdruck zu leiden. Sie versuche, mit sehr guten Schulnoten für ihre Kinder einen Vorsprung vor anderen zu bekommen, heißt es in der Studie. Der erreichte Schulabschluss werde zum Schlüsselbegriff für gesellschaftlichen Erfolg und Misserfolg und letztendlich die bestmögliche Entwicklung aller kindlichen Fähigkeiten sogar zum allgemeinen Leitwert. Selbst innerfamiliär – so die Sinusstudie – komme dem jeweiligen Bildungsabschluss der Familienmitglieder mittlerweile ein überragender Stellenwert zu.
Zudem sei die “bürgerliche Mitte” in einem besonderen sozio-kulturellen Konflikt. Sie versuche, sich einerseits durch Bildung bewusst nach unten abzugrenzen, Andererseits sei sie bestrebt, den Anschluss zum oberen Drittel nicht zu verlieren. Das obere Drittel gehe aber zunehmend auf Distanz zur Mitte. In diesem Konflikt sei die “bürgerliche Mitte” – und dort vor allem die Mütter (Stichwort: “Mama-Taxi”) – enormen persönlichen und wirtschaftlichen Belastungen und Verzichten ausgesetzt. Oft werde sogar schon im Vorschulalter zusätzlich Bildung für die Kinder privat eingekauft, um den Kindern die besten Schulnoten zu ermöglichen. Entsprechend boomt der private Bildungsmarkt derzeit.
Wie empfinden Sie den sozialen Druck, dem die Eltern heute in der Gesellschaft ausgesetzt sind. Ist es gerecht, von Eltern zum Wohle des Kindes immer mehr zu verlangen, ohne diese gleichzeitig mit genügend Zeit für Erziehung und ausreichend wirtschaftlichen Mittel für diese Aufgabe auszustatten?
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Wochenstart!
Ihre
Sabine Olthof
Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG



