Liebe Leserin, lieber Leser,
hart arbeitende Väter fürchten bisweilen nichts mehr, als von ihren Kinder irgendwann einmal mit „Onkel“ angeredet zu werden, weil sie viel zu selten zu Hause sind. Das macht Workaholics durchaus Angst. Und wir fühlen mit ihnen. Von der breiten Gesellschaft aber im allgemeinen kaum bemerkt ist festzustellen, dass dieses Problem bei uns inzwischen auch bei den Frauen angekommen ist und zugleich eine grundlegend andere Dimension bekommen hat.
Vielen Frauen droht zunehmend das gleiche Los wie den überarbeiteten Vätern, weil sie durch Arbeitslosigkeit ihrer Männer oder als Alleinerziehende zur Haupternährerin der Familie geworden sind und in der permanenten Klemme zwischen Haushalt, Kindererziehung und Beruf stecken. Für sie hat notgedrungen der Arbeitsplatz höchste Priorität; Haushalt und Kinder kommen danach.
Forscherinnen der Universität Essen-Duisburg und der Hans-Böckler-Stiftung haben in einer Studie den neuen Rollentausch der Geschlechter in den Familien untersucht. Das Ergebnis: Immer mehr Mütter verdienen das Geld für die Familien; das heißt in der Definition der Forscherinnen mindestens 60 % des Haushaltseinkommen. Das heißt aber andererseits nicht, dass sich nun umgekehrt die Männer daheim mehr um die Kinder und den Haushalt kümmern würden. Für die Kinder wenden die arbeitenden Mütter gleichwohl immer noch wesentliche mehr Zeit auf als die Väter.
Daraus erwächst für die Frauen eine norme Doppelbelastung. Eine der von der Forscherinnen interviewten Familienernährerin brachte ihre Befürchtung auf den Punkt: „Ich habe Angst, dass meine Töchter irgendwann sagen werden, es war nur immer Papa da.“
Vor allem für die Frauen in Ostdeutschland, wo Frauen – anders als im Westen – schon immer arbeiten gegangen sind, ist es nach dieser Studie schwierig, ihre Rolle als Haupternährerin der Familie und Mutter unter einen Hut zu bringen. Dort schultern wegen der im Osten allgemein hohen Arbeitslosigkeit die Frauen ihrer finanzielle Verantwortung für die Familie oft nur mit einem Vollzeitjob. Am Arbeitsplatz sind sie dadurch einem hohen betrieblichen Flexibilisierungsanspruch ausgesetzt. Berufliche Umorientierung oder eine geringere Belastung durch Teilzeit sind kaum möglich. Denn sie können ihren Arbeitsplatz nicht aufs Spiel setzen, wenn sie nicht die Familienexistenz gefährden wollen.
Wie sehen Sie diese Entwicklung? Ist es gut, wenn die Frauen immer mehr zum Haupternährer der Familien werden?
Ihre
Sabine Olthof
Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG



